Special

Der rollende Rindermagen

Es war einmal in Gautland ein König, der hieß Ring, und seine Königin hieß Althrud von Ungerland. Und eine Tochter hatten die beiden, die hieß Sigry.
Dann aber starb die Königin, und dem König war, als sei er mit ihr gestorben, so trauerte er um sie. Oft saß er einsam in der großen Königshalle auf seinem Thron, starr und stumm und eingesponnen in seine Traurigkeit.
Eines Tages aber kam eine fremde Frau in die Halle, wunderschön war die Fremde, und in ihrer Hand hielt sie einen Becher Wein. Sie ging auf den König zu, der hob nicht einmal den Kopf. Da tauchte die Fremde einen Finger in den Becher, berührte mit dem Finger den Mund des Königs und ließ einen Tropfen Wein auf seine Lippen fallen.
Da erwachte der König, er trank, er leerte den ganzen Becher, dann schaute er auf, sah die schöne Fremde an – und vergaß die tote Königin; er nahm die Fremde zur Frau, und sie wurde seine neue Königin.
Die Fremde nannte sich Asa und sagte, sie sei eine Königin aus Halogaland. Aber in Wahrheit war sie keine Königin und auch nicht aus Halogaland. Nein, sie war eine Unholdin. Und Sigry spürte das und wollte nichts wissen von der Stiefmutter.
Nach einer Zeit musste der König in den Krieg ziehen. Kaum war er fort, da zeigte die Unholdin ihr wahres Gesicht. Sie warf alle Schönheit ab, schlimm und schrecklich war sie anzusehen, und so ging sie zur Kammer der Königstocher und warf einen Fluch auf sie.

„Sigry, Sigry, Königskind,
werde zum Magen von einem Rind,
zu einem blutigen Rindermagen
wie von einem Rind, das gerade erschlagen.
Und dann rolle, Rindermagen roll,
dass der Fluch sich niemals mehr lösen soll!“

Doch Sigry wusste einen Gegenfluch:

„Asa, Asa, falsches Weib,
verflucht sei dein Leben, verflucht sei dein Leib.
Schlangen und Stangen, Gras und Moos,
sollen dich beißen, sollen dich stechen,
lässt du deinen Fluch nicht los!“

Da erschrak die Unholdin, sie sagte einen zweiten Bannspruch, der nahm den ersten Fluch ein wenig zurück und ließ für Sigrys Verwünschung eine Erlösung zu.

„Du blutiger rollender Rindermagen
Sollst deine Schönheit wieder haben,
wenn sich einmal ein Königssohn find´t,
der dich so, wie du bist, ins Brautbett nimmt!“

Sigry aber nahm ihren Fluch nicht zurück, sie warf einen zweiten Fluch auf ihre Stiefmutter, der noch schlimmer als der erste war:

„Asa, Asa, falsche Frau,
werde zur Katze, räudig und grau.
Und kommt dann der König, der König zurück,
falle tot zu Boden im Augenblick!“

So verschwanden in einer Nacht Königin und Königstochter, Asa uns Sigry. Aber seit dem nächsten Morgen strich eine räudige graue Katze um die Königshalle von Gautland, bis der König endlich heimkam. Und wie er auf den Hof ritt, fiel die Katze tot vom Giebel – Asa aber ward nie mehr gesehen.
Doch auch Sigry war und blieb verschwunden, sie war ja ein blutiger rollernder Rindermagen geworden, der rollte und rollte fort immer nach Osten oder Sonne entgegen und wälzte sich durch viele Länder und kam bis nach Holmgard.
Dort herrschte ein junger König mit seiner Mutter. Und nah beim Königshof lebte auch ein Alter, der eine Rinderherde hatte. Einmal, als der Alte zu seinen Rindern hinausging auf die Weide, fand er dort einen schrecklichen blutigen Rindermagen. Und der Magen sagte: Lass mich deine Rinder hüten. Der Alte erschrak und fürchtete sich, wagte aber nicht, den blutigen Rindermagen fortzuschicken und willigte ein. Und nun trieb der rollende Rindermagen die Kühe des Alten davon, trieb sie auf die Weiden des jungen Königs, und die Kühe weideten auf Königsland und fraßen es ab.
Das hörte der junge König, und er kam zu dem blutigen rollenden Rindermagen. „Was verdirbst du mir mein Land?“
Der Magen aber wurde grob: „Früher gab´s Könige, die hatten mehr und bessres Land, und sie waren auch nicht so geizig wie du!“
Da zog der junge König zornig sein Schwert und wollte den Rindermagen in Stücke hauen. Doch er konnte sich nicht bewegen, stand starr, und seine Füße waren wie festgewurzelt in der Erde. Er rief: „Lass mich los, du Ungeheuer!“
Aber der Magen sprach:
„Du kommst nicht mehr los, du kommst nicht vom Fleck! Oder nimm mich zur Frau, nimm mich in dein Bett!“

Das wollte der König gewiss nicht, aber er kam und kam nicht los, und der Mangen gab nicht nach, da musste der junge König es versprechen. Und der Magen warnte ihn: „Wenn du dein Versprechen brichst, dann wirst du tot zu Boden fallen, und ich werde dein Reich verwüsten und verderben!“ Dann löste der Magen den Bann und wälzte und rollte dem jungen König nach bis zu seiner Halle.
Dort wurde nun Hochzeit gehalten, und als es dunkel wurde, brachte die Mutter des Königs den Magen in das goldgeschmückte Bett ihres Sohnes. Dann kam auch der junge König, aber als er zu seinem Bett kam und den blutigen Magen sah, der sich darin herumwälzte, fiel er in Ohnmacht vor Entsetzen. Aber die Mutter des Königs wachte über die beiden. Und als sie in der Nacht noch einmal nach dem Brautpaar sah, da lag der schreckliche Magen leblos vor dem Bett, im Bett aber – in den Armen ihres Sohnes – lag eine junge schöne Braut. Da rief die Königsmutter ihre Knechte, die trugen den Magen hinaus und warfen ihn ins Feuer – und Sigry war erlöst. Und sie und der König lebten lange und glücklich und sahen Kinder und Enkelkinder.

Dieses Märchen kommt aus Island und wird erzählt von Heinrich Dickerhoff aus dem Buch Märchen für die Seele.

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